Methoden für Gruppenprozesse

Neuorganisation des Vereins Juli 2009
Bei unseren Treffen greifen wir gerne auf bewährte Methoden des partizipativen Führens zurück wie sie z. B. bei „Art of Hosting meaningful Conversations“ zur Anwendung kommen. Diese Methoden erlauben – richtig eingesetzt – in effizienter Form alle zu Wort kommen zu lassen und im Laufe des Prozesses die „kollektive Intelligenz“ ans Tageslicht zu bringen, d. h. das gemeinsame Ganze, das mehr ist, als die Summe der Teile. Ganz besonders kommt es dabei auf die Selbstverantwortung aller und auf Selbstorganisation an.
Die meiste Erfahrung haben wir bisher mit dem Kreisgespräch gemacht, der wohl ältesten Form des zielgerichteten miteinander Kommunizierens, die für die unterschiedlichsten Themen und Zwecke eingesetzt werden kann. Christina Baldwin und Ann Linnea sprechen in ihrem neuesten Buch „The Circle Way“ vom Archetyp des Gruppengesprächs. Der Untertitel des Buchs „A Leader in every Chair“ spricht für sich. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, was als Gruppe möglich ist, wenn es gelingt sich auf das wirkliche Zuhören und die Verlangsamung des Prozesses durch den Redestab und die weiteren Prinzipien der Methode einzulassen.
Hilfreich erlebt haben wir auch schon wiederholt „Open Space“, wenn es darum ging in kurzer Zeit gleich an mehreren Themen fokussiert zu arbeiten. Mit den Grundideen, dass jede/r zu jenem Thema geht, wo er/sie sich wirklich hingezogen fühlt und dort auch nur bleibt, solange er/sie etwas beitragen oder lernen kann, können auch kontroverse Themen produktiv und kreativ bearbeitet werden.
Weitere viel versprechende Methoden, die bei Bedarf eingesetzt werden können, sind „World Café“ (von Peter Senge, dem Autor von „Die Fünfte Disziplin“ beschrieben als der seiner Meinung nach „zuverlässigste Weg…, um kollektive Intelligenz sichtbar werden zu lassen.“) oder Wertschätzende Erkundung.
Hier folgt ein kurz Beschreibung der Methoden. Weitere Infos finden sich u. a. auf
World Café
Der World Café Prozess, auch Dialog Café genannt, wurde von Juanita Brown und David Isaacs entwickel. Er fördert relevante Gespräche zwischen allen Teilnehmern und unterstützt den Wissensaustausch mit dem Ziel, gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft zu arbeiten. In kleinen Tischgruppen beschäftigen sich die Teilnehmer mit aufeinander aufbauenden Fragen und durch Wechsel der Gruppen und Austausch der Ideen, Ergebnisse und Sichtweisen werden Vernetzung und die Erarbeitung von innovativen Handlungsoptionen ermöglicht. In der folgenden Abbildung wird das typische Format eines World Cafés verdeutlicht und die Arbeit in Kleingruppen dargestellt.
Der kommunikative Ansatz ermöglicht einen intensiven Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmern und fördert aufmerksames Zuhören und innovative Handlungsmöglichkeiten.2F Senge beschreibt die Methode folgendermaßen: „Meiner Ansicht nach ist ein World-Café Gespräch der zuverlässigste Weg…, um kollektive Intelligenz sichtbar werden zu lassen.“ (Senge, 2007, S. 9)
Wertschätzende Erkundung
Die Appreciative Inquiry Methode, umschrieben bedeutet der Begriff so viel wie wertschätzende Erkundung, ist eine Methode und Haltung, die versucht von problemorientiertem Denken weg zu kommen und den Blick auf vorhandene Stärken, Potenziale und das Positive innerhalb der Organisation, Gruppe, Klasse zu richten, um ausgehend von einem positiven Selbstbild Veränderungsprozesse in die Wege zu leiten.4F Beispielsweise. statt Fragen wie: Was ist das Problem? Was läuft schief? Wer ist schuld? hin zu Gesprächen, wie: Was läuft gut? Weshalb? Wie können wir das noch weiter entwickeln?
Circle Practice
Viele der möglichen partizipativen Instrumente und Methoden finden in Kreisform statt, jedoch gibt es einen Unterschied zu der Kreispraxis. Die Circle Practice, übersetzt könnte man es als Kreis oder Rat bezeichnen, ist eine alte Form zusammen zu kommen, um respektvoll miteinander zu reden. Der Circle hat als Basis für viele Kulturen gedient, beispielsweise als Kreis der Weisen rund um ein Lagerfeuer oder zur Weitergabe von überliefertem Wissen durch Geschichten. Die Haltung der Teilnehmer bei dieser Methode ist gekennzeichnet durch Offenheit, achtsames Reden und tiefes Zuhören.5 Um einen intensiven Dialog und Austausch zu initiieren, ist es notwendig im Vorfeld ein Ziel, eine Intention für diese Zusammenkunft zu formulieren. Darauf aufbauend lassen sich die Rahmenbedingungen wie Ort, Zeitdauer, Personen, Fragestellung und notwendige Ressourcen festlegen. Bei jedem Kreisgespräch gibt es einen Leiter und einen sogenannten Hüter, um die Intention und Phasen während des Prozesses zu gewährleisten, wobei auf die Selbstverantwortung der Teilnehmer großer Wert gelegt wird.6
Open Space
Harrison Owen entwickelte die Großgruppenintervention „Open Space Technology“ 1983 und seither ist das Verfahren in unterschiedlichsten Organisationen und Gemeinwesen angewendet worden. Folgende zwei Beobachtungen haben Owen auf die Idee des Verfahrens gebracht:
Die Teilnehmer von Konferenzen und Seminaren werden häufig durch Gespräche in den Pausen zu neuen Ideen und Projekte inspiriert und empfinden die intensive Auseinandersetzung mit Kollegen als das wertvollste Element einer Veranstaltung
Die etwa 500 Einwohner eines westafrikanischen Dorfes organisierten mit relativ wenig Planungsvorlauf auf ihrem kreisrunden Marktplatz ein fantastisch verlaufendes, fröhliches Fest.7
Darauf aufbauend entwickelte er eine Methode, die mit klaren Strukturelementen wie tragfähiges Leitthema, Konferenzregeln, zeitliche Vorgaben und Konferenzleitung eine Entwicklung von kreativen Lösungen in offenen Arbeitseinheiten ermöglicht. Im Open Space wird der Fähigkeit zur Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme bewusst Raum gegeben.8
In der folgenden Grafik wird der Ablauf eines Open Space Forums mit den wesentlichen Bausteinen dargestellt. Teilnehmer können ihre Anliegen, Themen vorbringen und bilden mit anderen Interessierten eine Gesprächsgruppe. Die Anzahl der Teilnehmer ist nur durch die logistischen Rahmenbedingungen begrenzt, da es verschiedene Räume für Gesprächskreise braucht, die parallel genutzt werden können.
Ein wesentliches Gesetz bei der Durchführung der Workshops ist das „Gesetz der zwei Füße“. Jeder Teilnehmer hat das Recht eine Arbeitsgruppe zu verlassen, wenn er nichts beitragen oder lernen kann, und ist somit für inspirierende Gespräche und Zeitnutzung selbst verantwortlich. Die Teilnehmer können sich bewusst von einer Arbeitsgruppe zur nächsten bewegen und somit Impulse und Ideen weitertragen oder sich nicht für ein Thema entscheiden, aber durch aktive Kontaktaufnahme für Gespräche zwischen den Arbeitsgruppen offen sein.10 Eine grundlegende Annahme hinter dem Prozess ist, dass alle Teilnehmer Experten sind und ausreichend Fähigkeiten, Erfahrungen, Wissen und Gefühle haben, um über die Themen zu diskutieren und neue Ideen einzubringen. Open Space fördert das Gemeinschaftsgefühl sowie die Motivation, die gemeinsam entwickelten Lösungen umzusetzen und stärkt somit die nachhaltige Wirkung der Veränderungsabsichten.11
Literatur
- Baldwin, Christina: Calling the Circle. The First and Future Culture, Bantam, 1998
- Bojer, Marianne Mille/ Roehl, Heiko/ Knuth, Marianne/ Magner, Colleen: Mapping Dialogue. Essential Tools für social change, Ohio, Taos Institute, 2008
- Brown, Juanita/ Isaacs, David: Das World Café, Heidelberg, Carl Auer Verlag, 2007
- Fänderl, Wolfgang (Hrsg.): Beteiligung übers Reden hinaus. Gemeinsinn-Werkstatt: Materialien zur Entwicklung von Netzwerken, Gütersloh, Verlag Bertelsmann Stiftung, 20062
- Owen, Harrison: Open Space Technology. Ein Leitfaden für die Praxis. Stuttgart, Klett-Cotta, 2000
- Maleh, Carole: Open Space: Effektiv arbeiten mit großen Gruppen. Ein Handbuch für Anwender, Entscheider und Berater, Weinheim/ Basel, Beltz Verlag, 20012
- Zur Bonsen, Matthias/ Maleh, Carole: Appreciative Inquiry (AI): Der Weg zu Spitzenleistungen, Beltz Verlag, 2001
Fußnoten:
1 World Café Europe: Das World Café, unter URL: www.worldcafe-europe.net [19.04.2010]
2 Vgl. Brown/ Isaacs, 2007, S. 19
3 European Business Campus: The World Café, unter URL: www.youth-leader.org/ebcampus2009/Docu/images/worldcafe-principles.jpg [19.04.2010]
4 Vgl. zur Bonsen/ Maleh, 2001, S. 16
5 Vgl. Baldwin, 1998, S. 62ff
6 Vgl. Bojer/ Roehl/ Knuth/ Magner, 2008, S. 55f
7 Vgl. Owen, 2000, S. 20f.
8 Vgl. Fänderl, 20062, S. 56
9 Eigene Darstellung, Zeichnungen: Qvist-Sorenson, Ole, 2008
10 Vgl. Fänderl, 20062, S. 57
11 Vgl. Maleh, 2001, S. 15ff
One Response to “Methoden für Gruppenprozesse”
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Das zu lesen ist äußerst herzerfrischend, wohltuend, sodass meine Sehnsucht in so einer Gemeinschaft zu leben, wieder ganz laut ist!!!
Liebe Grüße
Andrea
Ich dank euch schon jetzt für die viele Arbeit die ihr schon geleistet habt!!!